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Bosko Biati16. Folge: Ödipus | |||
Bosko Biati, unser berühmter Rätselexperte, kennt das Theaterstück „König Ödipus“ von Sophokles, in dem die Sphinx den Helden vor den Toren Thebens aufhält und ihm eine berühmte Rätselfrage stellt: „Was ist es, das – mit einer Stimme begabt – bald vierbeinig, zweibeinig und dreibeinig wird?“ Ödipus errät die richtige Lösung: „Es ist der Mensch. Als Säugling krabbelt er auf allen Vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und als Greis benutzt er einen Gehstock.“ Dass ausgerechnet Ödipus dieses Rätsel lösen konnte, ist wahrscheinlich kein Zufall, denn er wurde als Säugling von seinen Eltern mit zusammengebundenen Füßen in der Wildnis ausgesetzt, wobei sie seine beiden Fersen durchbohrt hatten. Daher bekam er von seinen Zieheltern als Findelkind den Namen „Ödipus“ (auf Deutsch: „Klumpfuß“) und entwickelte vermutlich lebenslang eine besondere Sensibilität für alles, was mit Gehen zu tun hat. Bevor er auf die Sphinx zuging, hatte er großräumig die Lage erkundet und zweimal Theben ganz exakt zu Fuß umkreist. Dabei zählte er sorgfältig seine Schritte und stellte fest, dass er für den zweiten, engeren Kreis ziemlich genau 44 Schritte weniger benötigte. Auch der tödliche Konflikt, der den Anlass für den Kampf gab, in dem Ödipus als Erwachsener seinen leiblichen Vater erschlug, drehte sich um das Thema Gehen: Die beiden begegneten sich unbekannterweise auf einem schmalen Weg, und keiner von beiden wollte dem anderen ausweichen. Der Ödipus-Mythos ist ein Gleichnis dafür, wie schwierig nennenswerte Selbsterkenntnis sein kann und wie leicht man Gefahr läuft, sich mit einem oberflächlichen Selbstbild zufrieden zu geben. Ödipus begreift zwar, dass es sich bei dem rätselhaften Wesen mit vier, zwei und drei Beinen um den Menschen handelt, also letztlich um ihn selbst, was jedoch bei Licht betrachtet eine ziemlich oberflächliche Feststellung ist. Dabei könnte man dieses Rätsel auch als eigentliche Aufforderung verstehen: „Erkenne Dich selbst“. Aber im Rausch des Erfolges aufgrund seines scheinbaren Sieges über die Sphinx wandert Ödipus ohne tiefere Erkenntnis weiter nach Theben und besiegelt dort sein tragisches Schicksal, als er die Nachfolge des toten Königs antritt und die Frau heiratet, die sich als seine eigene Mutter herausstellen wird. Es hätte Ödipus misstrauisch machen können, dass das Rätsel der Sphinx für ihn so einfach war. Die schwierigen Fragen, die ihn im weiteren Verlauf der Tragödie dazu zwingen, tief in der eigenen Vergangenheit nachzuforschen und seine wahre Identität aufzudecken, sind gleichsam der zweite Teil des Rätsels, und dessen Antwort heißt nicht Triumph, sondern Verderben – ein spätes Vermächtnis der Sphinx an den allzu eiligen Wanderer. Um wie viele Schritte kam Ödipus bei seiner zweiten Umkreisung näher an die Sphinx heran? Bosko BiatiKommentarHier geht es um den Abstand zweier konzentrischer Kreise, deren jeweiliger Umfang zwar unbekannt ist, aber die Differenz beträgt „ziemlich genau“ 44 Schritte. Wenn einen das nicht an eine sehr bekannte Rechenaufgabe erinnert ... | |||
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