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Bosko Biati

5. Folge: Die Brücken von Königsberg
Bosko Biati kennt einen 440 Jahre alten kolorierten Kupferstich, der nicht nur ein interessantes allgemein bekanntes Rätsel illustriert, sondern auch an ein wundervolles geheimes Rätsel erinnert.
Koenigsberg Albrecht junior wurde als Sohn des ersten Herzogs in Preußen am 29. April 1553 geboren. Als er erst 14 Jahre alt war, starben seine Eltern an der Pest, und er beerbte seinen Vater als regierender Herzog in Preußen. Bis 1571 stand er unter Vormundschaft der Königsberger Stadträte, die im Bund mit der Kirche den jungen Fürsten so sehr tyrannisierten, dass dieser schon bald in Depressionen verfiel. Die Stadt Königsberg wird durch den Fluss Pregel und seine beiden Inseln (Kneiphof im Westen und Lomse im Osten) geteilt. Die beiden äußeren Stadthälften (Altstadt im Norden und Vorstadt im Süden) waren damals durch fünf Brücken mit den Inseln verbunden, die wiederum untereinander durch die Dombrücke verbunden waren. Diese Brücken sollten für Albrecht eine schicksalshafte persönliche Bedeutung bekommen. Im Jahr 1572 weilte ein französisches Geschwisterpaar für wenige Monate am Königsberger Hof auf Besuch. Der Name der jungen Dame war Charlotte, der Name ihres Bruders ist nicht überliefert. Mit ihnen pflegte Albrecht ein vertrautes Verhältnis, und man sah sie oft zu dritt durch die Stadt flanieren, stets begleitet von Alberts neuem Hund. Besonders mit Charlotte führte Albrecht lange Gespräche, denn sie verstand es trotz der regelmäßigen Intrigen der Stadträte, Albrecht Mut zu machen, sein Selbstvertrauen zu stärken und ihn für einige Zeit seiner üblichen Schwermut zu entreißen.
Charlottes Lieblingsgebäck waren Baumstriezel, ein Naschwerk, das sie als Gast in Rumänien kennengelernt hatte. Die Aussprache mancher Wörter bereitete ihr Schwierigkeiten, z. B. lautete ein damals geläufiges Königsberger Sprichwort: „In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, ...“ Bei Charlotte klang das wie „Mascht“ und „Prascht“ und das Wort „Herzogtum“ klang bei ihr wie: „Er zog dumm“, was oft Anlass zur Heiterkeit gab. Von seinen französischen Gästen hatte Albrecht als Gastgeschenk einen weißen rumänischen Hirtenhund erhalten, den diese von einem direkt vorangegangenen Aufenthalt in Siebenbürgen mitgebracht hatten. Albert liebte den treuen Hund und nahm ihn überallhin mit. Charlotte hatte nicht nur ein fröhliches Wesen, sondern war auch überaus klug. Sie erfand ein besonderes Spiel, das für sie, Albrecht und den Hund zu einem gemeinsamen Ritual wurde: Überquere auf dem Weg vom Schloss zum Dom alle sechs Brücken von Königsberg, und zwar jede nur einmal. Der kürzeste solche Weg über alle sechs Brücken führte von der Altstädter Pfarrkirche aus über die „Kramer Pruck“ (Krämerbrücke), „Vert Pruck“ (Grüne Brücke), „Ruttel Pruck“ (Rüttelbrücke), „Schmit Pruck“ (Schmiedebrücke), „Holtz Pruck“ (Holzbrücke) und „Thum Pruck“ (Dombrücke) bis zum Dom. Die Markierungen im nebenstehenden Bildausschnitt wurden natürlich nicht von Charlotte selbst mit goldener Tinte angebracht, sondern das wurde offensichtlich später genau in ihrem Sinne nachempfunden.
Koenigsberg Dieser kürzeste Weg war aber nicht der, den Albrecht, Charlotte und der Hund immer nahmen, denn sie bevorzugten aus sentimentalen Gründen einen kleinen Umweg. Auch nach Charlottes überstürzter Abreise (ihr Bruder wurde in einen politischen Skandal verwickelt, sodass beide fliehen mussten) behielt Albrecht diesen Weg bei und spazierte fast täglich auf genau derselben Strecke mit seinem Hund vom Schloss zum Dom. 1573 kam ein neuer Bischof namens Tilemann in die Stadt, der sehr machtbesessen und streitbar war. Im selben Jahr wurde Albrecht mit Marie vermählt. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten verendete sein Hund, weil dieser wohl etwas Falsches gefressen hatte.
Marie ist in der rechten unteren Ecke des nebenstehenden Bildausschnitts zu sehen, und wenn man den kompletten Stich aus dem Jahr 1581 betrachtet, sieht man auch Albrecht mit ihr Hand in Hand vor seiner Hauptstadt stehen. Direkt neben ihm befindet sich ein Schild in der damals üblichen lateinischen Schrift: „mons regius; prussiae sive borussiae, urbs maritima, elegantissima principis sedes.“ Auf Deutsch ungefähr: „Königsberg; Küstenmetropole von Preußen (auch Borussia genannt), auserlesener Herzogssitz.“ Die scheinbare Idylle täuscht jedoch, denn als dieses Bild entstand, war Albrecht bereits endgültig ein gebrochener Mann und als Herzog vollständig entmachtet.
Bedenkt man die regelmäßigen Schikanen und heftigen Anfeindungen seitens der Stadträte und dem mit ihnen verbündeten Tilemann, hielt sich Albrecht in den ersten paar Jahren seiner Ehe noch erstaunlich tapfer. Dabei halfen ihm die täglichen einsamen Spaziergänge, die ihm immer wieder Kraft und Trost schenkten dank der schönen Jugenderinnerungen, die Charlotte raffinert auf ewig in seinem Gedächtnis verankert hatte. Ihr geheimer Weg machte all das Tröstliche und Wunderschöne für Albert immer wieder gegenständlich erlebbar. Tilemann blieb diese rätselhafte Kraft nicht verborgen, und er ruhte nicht eher, bis er endlich (mithilfe von Marie) Alberts Geheimnis ausgekundschaftet zu haben glaubte.
Tilemann war ein schrecklicher Feind, der in seiner Bosheit und Durchtriebenheit die vergleichsweise plumpen Königsberger Stadträte bei weitem überragte, die Albrecht ja bereits seit seiner Kindheit plagten. Als Magister und Doktor, ehemaliger Superintendent in Goslar, Professor an die Universität Rostock und Generalsuperintendent in Heidelberg war Tilemann damals vielleicht der gebildetste Mann in ganz Königsberg. Leider nutzte er seine großen Fähigkeiten nicht zum Guten, sondern fasste einen besonders perfiden Plan. Um zu verstehen, wieso sich Albrecht dadurch von seinem Weg abbringen ließ, muss man die extreme Bedeutung der allgemeinen Meinung bedenken, die vielfach nahezu als Ersatz für selbstgewählte Grundsätze fungierte, vor allem, wenn sie von Kirche und Obrigkeit unterstützt wurde. Mit seiner eigenen Auffassung von Patriotismus und „political correctness“ konnte es Albrecht nicht vereinbaren, sich darauf zu versteifen, aus Nostalgie die neueste der nun offiziell sieben Königsberger Pregelbrücken zu ignorieren.
Tilemann ließ nämlich in der Stadt das geheime Spiel durchsickern, das Charlotte sich für Albrecht ausgedacht hatte, und nahm dabei eine kleine Änderung der Regeln vor. Außerhalb des eigentlichen Stadtgebiets führte eine kleine Brücke von Haberberg aus (das war die Gegend noch südlich der Vorstadt) über die Pregel zur Lomse. Diese siebente Brücke, so ließ er verbreiten, sei selbstverständlich ebenfalls zu überqueren, wollte man wirklich alle Brücken von Königsberg überschreiten. Dass es in Wahrheit noch einige weitere Brücken gab, sieht man auf dem historischen Stich recht deutlich: um z. B. von der Vorstadt überhaupt nach Haberberg zu kommen, musste man zuerst auf einer achten Brücke den dortigen Pregel-Nebenarm überqueren.
Was man auf dem Bild allerdings erstaunlicherweise nicht sieht, ist die besagte siebte Brücke. Sie befand sich damals schon seit über 60 Jahren genau an der Stelle der Pregel, die Marie „zufällig“ mit ihrem weiten Kleid verdeckt. Kurz nach Fertigstellung des Kupferstichs wurde diese siebte Brücke mit viel Aufwand verstärkt und neu als Zugbrücke ausgebaut, mit einem modernen Brückenhäuschen für den Zugmechanismus. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist sie als Hohe Pruck (Hohe Brücke) bekannt, und in der Öffentlichkeit nannte man das Spiel nun ausdrücklich „Die sieben Brücken von Königsberg“. Durch eine Ironie des Schicksals konnte Tilemann allerdings die Früchte seiner Brücken-Intrige nicht ernten, da er wegen theologischer Konflikte Königsberg kurz darauf verlassen musste.
Dennoch ließen sich die Auswirkungen nicht mehr aufhalten. Bald kannte das Rätsel mit den sieben Brücken in Königsberg jedes Kind. Nichtsahnende Besucher wurden gern damit geneckt, weil die Aufgabe natürlich niemandem gelang, so oft man sich auch bemühte. Genau wie Tilemann gehofft hatte, war die Wirkung auf Albrecht verheerend: Seine Freude an Charlottes besonderem Weg war ihm für immer verdorben, denn er fühlte nun beim Gedanken an die Brücken vor allem ohnmächtige Wut über deren Vereinnahmung durch Tilemann, rasendes Entsetzen angesichts Charlottes zerstörten mentalen Kunstwerks und grenzenlose Enttäuschung über Maries Verrat.
Nach einigen Schäden wurde die alte Hohe Pruck wie gesagt neu gebaut, die Wachen drastisch verstärkt und Albrecht wegen „fortschreitender geistiger Verwirrtheit“ seiner Amtsgeschäfte enthoben. Ein Administrator übernahm das Herzogtum als Lehen. Kurz darauf, im Jahr 1582, verbrannte die Vert Pruck (Grüne Brücke, auch genannt Langgassenbrücke) vollständig und wurde erst acht Jahre später wiedererrichtet. Jemand hätte in diesen Jahren die Möglichkeit gehabt, täglich vom Schloss zur Lomse zu spazieren, wo man relativ unerkannt eine der zahlreichen Schenken frequentieren konnte, und dabei alle verbliebenen sechs Brücken genau einmal zu überqueren ...
Nach dem Neubau der zerstörten Vert Pruck war jedoch auch mit diesem Ausweg Schluss. Albrecht starb am 27. August 1618 in „völliger geistiger Verwirrtheit“. Knappe 120 Jahre später griff ein berühmter Mathematiker namens Leonhard das Rätsel der sieben Brücken von Königsberg auf, um mathematisch zu erklären, warum es über sie keinen geeigneten Weg gibt. Leonhard gelang das, indem er die Graphentheorie erfand und damit gleichzeitig die Topologie als Teilgebiet der Mathematik begründete. Er postulierte, dass Tilemanns Variante von Charlottes Spiel unlösbar ist, weil nach dessen Bedingungen jeweils eine ungerade Zahl von Brücken zu mehr als zwei Landmassen führt.
Im Gedächtnis der Öffentlichkeit sind die sieben Brücken von Königsberg heute fast nur noch mit Leonhards Namen verbunden und stehen als klassisches Beispiel für ein topologisches Gedankenexperiment. Das wahre Kunstwerk hinter diesem Rätsel zu erkennen, blieb nur wenigen vorbehalten. Bosko Biati betont, dass zwar niemand mit völliger Sicherheit wissen kann, ob das Königsberger Brückenproblem tatsächlich so entstanden ist, wie hier berichtet, aber dass es sich mit großer Sicherheit bei der berühmten Geschichte von Leonhard nur um ein Nachspiel handelt. Verkennen Sie daher nicht die wundervolle Bedeutung der folgenden Rätselfrage: Wie hieß Albrechts Hund?

Bosko Biati

Kommentar
Auf dieses extralange Rätsel mussten Sie aufgrund unerwarteter Verzögerungen extra lange warten. Lassen Sie sich damit nun aber nicht extra lange Zeit, denn das nächste Rätsel erscheint plangemäß bereits in einem Monat.

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